Aus seinem Arm

Aus seinem Arm

Als ich heute vor acht Monaten in den Wehen lag – nein besser, stand, lief und kreiste – hörte ich immer wieder die gleiche Abfolge eines Vorgangs durch die Wände aus den anliegenden Räumen in unser Zimmer schallen. Erst der Schrei einer Frau und nur einige Sekunden danach der eines Babys. Diese genaue Abfolge wiederholte sich vier, fünf, sechs Mal in den vielen Stunden, die wir in unserem Vorbereitungsraum verbrachten. Es war wie eine sehr eigene Melodie in meinen Ohren, die mir jedes Mal aufs neue ein Lächeln, in das ansonsten so angespannte Gesicht zauberte, und wie ein Bote in die nicht enden wollenden Wellen des Schmerzes hinein verkündete: „Auch du wirst früher oder später diesen Moment erleben. Der Moment, an dem es vollbracht ist.“ Es würde schlimm werden, ja, vermutlich würde ich vor Schmerz schreien, aber das war nicht das Ende der Melodie, nein, dann kamen ihre Töne, da war ich gewiss. Und es machte mir in diesem Moment Mut und Hoffnung.

Und wirklich, so war es. Sie kamen, ihre Töne, jedoch ganz anders als ich sie erwartet hatte. Mein Schrei, der so brav dem irdischen Geburts-Protokoll gefolgt war, wurde nicht erwidert von Lauten des Schmerzes, von der Stimme eines verängstigten, verloren kleinen Wesens, in dieser so fremden, neuen Welt. Nein, in ihrem klaren Blick, so friedlich, ruhig, ganz still, sang eine ganz andere Melodie. In diesen kleinen weit aufgerissenen, fast schwarzen Augen lag alles Wissen, nicht dieser, sondern der Welt, aus der sie gekommen waren. Es war mir, als sähe ich noch für einen Moment den Spiegel seines Antlitzes in ihren Augen schimmern. Sie kam direkt aus seinem Arm, hier in meinen Schoß, mir die Botschaft verkündend, dass alles woran ich glaubte, dass er, der die Liebe selbst ist, Wirklichkeit war!

Heute ist die Nudel acht Monate alt. Ihre strahlend blauen Augen erzählen oft von neuem Wissen, von Freude über neu erlerntes, über Zufriedenheit und Liebe. Jedoch erzählen sie auch so oft schon von Unverständnis, von Trauer, oder gar Schmerz. Sie ist zu einem Menschlein dieser Erde geworden – wie du und ich! Und mit jedem neuen Tag, den wir gemeinsam erleben dürfen, wird mir ein bisschen mehr bewusst, wie wenig es in meiner Macht steht, dass ihr Leben auf dieser Erde gelingt. Dass ihr Blick mehr Tage des Lichts als der der Dunkelheit erlebt. Dass die Tränen der Freude, mehr sein mögen, als die des Schmerzes und der Trauer.

Nein, es ist nicht in meiner Hand. Doch ich verspreche dir, mein Kind, bei allem was kommt, eines Tages werden deine Augen wieder voller Friede und vollkommener Freude erstrahlen, wie an diesem ersten Tag. Dann, wenn du ihm, aus dessen Arm du gekommen bist, wieder gegenübertrittst und seine Arme dich empfangen, noch offen, wie am Tage deines Abschiedes, nur auf dich wartend!

Ein Gedanke zu „Aus seinem Arm

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