Kann man einen Blog führen, wenn man eigentlich vor der Konsequenz Angst hat, dass jeder einen lesen kann?

Kann man einen Blog führen, wenn man eigentlich vor der Konsequenz Angst hat, dass jeder einen lesen kann?

Oder: Warum ich keine Angst mehr haben möchte!

Ich habe mich in letzter Zeit oft gefragt, warum ich eigentlich schreibe – also öffentlich – und ob es nicht besser wäre das Ganze wieder einzustellen. Grund dafür war vor allem eine mich schon seit Monaten beschäftigende Frage, die eigentlich für mich bereits Thema vor dem Beginn dieses Blogs war. Ich denke, ich kann für mich gut abschätzen, was ich von mir im Internet sehen will und was nicht. Aber: In welcher Form darf meine Tochter Teil meines Social Media „Auftritts“ und Teil meines Blogs sein?

Hier geht es für mich nicht nur, um ihren Namen oder ihr Gesicht, das viele Blogger von ihren Kindern zwar geheim halten, sondern auch oder vor allem, um ihren Charakter, ihr Erleben, ihr Sein an sich, das was ihr Gesicht und ihren Namen eigentlich überhaupt erst angreifbar und verletzlich macht. Was gebe ich preis und was nicht?

In welcher Form darf meine Tochter Teil meines Social Media „Auftritts“ und Teil meines Blogs sein?

Ich folge vielen Blogs und Accounts auf Instagram, da weiß ich zwar nicht den Namen des Kindes und habe von klein P, Q und R auch bisher immer nur ein halbes Gesicht, ein Auge oder Ohr gesehen, aber kenne trotzdem sein/ ihr Lieblingsessen, weiß wann er oder sie abends ins Bett geht und welches Lied ihm oder ihr dabei gesungen wird. Diese Accounts geben sehr viel preis. Zu viel? Da lese ich ganz wunderbare Traditionen und witzige Kindersprüche, bin beruhigt, dass klein S auch noch nicht krabbelt und ich mir um unser Mädchen wohl keine Sorgen machen muss. Auf der anderen Seite aber werden auch Krankheiten, schrullige Angewohnheiten, Ängste und private Details bekannt gegeben, oft unter dem so beliebten Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram, in der Annahme, das Kind sei durch die Zensur des Namens und des Gesichts geschützt. Da werde ich dann manchmal etwas stutzig…

Ich glaube nicht, dass ein grundsätzliches Problem darin besteht, dass Kinder in den Sozialen Medien auftauchen. Dass Kinder ein Gesicht und einen Namen haben. Kinder sind Teil dieser Welt, und sollten überall einen viel stärkeren und geliebten Platz einnehmen, was sie in den aller meisten Bereichen, ganz abseits der digitalen Medien, leider schon oft nicht tun. Im Gegenteil: Kind zu sein und ein Kind zu haben drängt einen heutzutage meist eher ins Abseits. So stellt für mich die reine Zensur des Gesichts meiner Tochter keine Lösung des Problems dar. Sie ist Teil meines Lebens und das prägend in allen Bereichen im Moment. Ich denke sogar, dass das Zensieren ihres Gesichts mich sogar daran hindert weiter aktiv immer aufs Neue nachzufragen, warum und aus welchen Motiven ich über meine Tochter schreibe oder ein Bild von ihr poste. Denn eine Annahme, denke ich ist grundsätzlich problematisch: Zu meinen, man sei im Internet anonym, oder hätte seine Bilder und Worte unter Kontrolle, auch wenn man sie in einem privaten Account veröffentlicht.

Ich denke, wir sollten, statt unsere Kinder nur optisch zu zensieren grundlegender überdenken, was wir im Internet schreiben und zeigen. Natürlich ganz besonders alles was mit unseren Kindern zu tun hat, ihren Namen, ihr Gesicht, ihren Charakter, wie sie sich entwickeln, was sie fühlen, vielleicht einmal sagen und denken, aber auch darüber hinaus alles andere, was ich hier schreibe, fühle und denke – ganz öffentlich für euch alle lesbar.

Ich denke, wir sollten, statt unsere Kinder nur optisch zu zensieren grundlegender überdenken, was wir im Internet schreiben und zeigen.

Oft tendiere ich dazu vor Unbekanntem Angst zu haben und mich daher komplett davor zu verschließen. Lieber keinen Fehler machen. Fast täglich bin ich bisher kurz davor gewesen meinen Blog zu löschen, dem Internet den Rücken zuzukehren. Ja, das ist eine Option, die ich habe. Die Angst davor, hier Fehler zu machen, ist groß. Die Angst davor, nicht die Kontrolle zu haben. Kann man einen Blog schreiben, wenn man eigentlich vor der Konsequenz Angst hat, dass Jeder einen lesen kann? Ich denke, ja. Ich möchte keine Angst mehr haben. Ich möchte dort anfangen, wo ich die Kontrolle habe und das ist die Kontrolle über das, was ich schreibe. Ja, das Internet hat für uns alle eine große Unbekannte, die einem schnell Angst einjagen kann. Und dennoch: Ich möchte nicht aus Angst heraus handeln, sondern aus Achtsamkeit, Vorsicht und Entschlossenheit.

Ich möchte dort anfangen, wo ich die Kontrolle habe und das ist die Kontrolle über das, was ich schreibe.

Damit dies vielleicht besser gelingen kann habe ich mit meinem Mann daher folgende Vereinbarung getroffen, die mir helfen soll achtsam zu bleiben, was Entscheidung zu Veröffentlichungen, ganz besonders im Zusammenhang mit unserer Tochter, angeht.
Bei Bildern, die ästhetisch ansprechend sind und dazu beitragen Inhalte zu unterstützen, die ich gerne herüberbringen möchte, steht einer Veröffentlichung eigentlich erst mal nichts im Wege. Grundsätzlich möchte ich, wenn ich über meine Tochter erzähle, egal ob hier oder auf der Straße, eine liebevolle Haltung dabei einnehmen.
Zusätzlich frage ich mich zum Beispiel mittlerweile vor einem neuen Post immer: Warum willst du diesen jetzt veröffentlichen? Hin und wieder passiert es mir, dass ich mich dabei selbst entlarve, es um Likes oder Herzen für meine wunderhübsche Tochter und damit mein Ego geht und ich lösche diese, wenn ich es nicht bereits vorher gemerkt habe, einige Minuten nach der Veröffentlichung direkt. Ich habe hier mittlerweile ein sehr gutes Gefühl entwickelt und mein schlechtes Gewissen schlägt sofort Alarm, wenn ich hier nicht ganz im Reinen mit mir bin.
Daher: Ich denke es ist wichtig grundsätzlich feinfühlig zu belieben, bei jedem neuen Beitrag und sich nicht mit einer Entscheidung „Zensur von Gesicht und Namen“ zufrieden zu geben, und unter dieser so verlockend scheinenden Anonymität alles Preis zu geben.

Grundsätzlich möchte ich, wenn ich über meine Tochter erzähle, egal ob hier oder auf der Straße, eine liebevolle Haltung dabei einnehmen.

Warum ich eigentlich schreibe? Vielleicht ist dieser Text alleine in sich wiederum schon eine Antwort auf diese Frage. Ich versuche Worte zu finden, für Dinge, die mich beschäftigen, umtreiben, mein Leben prägen, um daraus zu lernen, reflektieren, neu zu begreifen und vielleicht regt es dann hier auch den ein oder anderen zum Denken an – das wäre schön, denn gemeinsam denken und sich darüber austauschen, ist schöner als alleine.
Lernen durch erleben, bedenken, beschreiben und beschwätzen – jetzt gerade mal öffentlich mit euch, morgen sieht das vielleicht schon wieder anders aus, denn wisst ihr was gut ist: Ich kann jeden Tag neu diese Entscheidung treffen, was ich mit euch teilen will und was nicht.

Warum ich eigentlich schreibe? Vielleicht ist dieser Text alleine in sich wiederum schon eine Antwort auf diese Frage.

Wir handhabt es ihr das mit Veröffentlichungen von euch selbst und euren Kindern im Internet? Und überhaupt: Warum schreibt ihr hier?

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