Wunderschön „langweiliger“ Geburtsbericht

Wunderschön „langweiliger“ Geburtsbericht

Die Geburt unserer zweiten Tochter

Freitag Spätnachmittag. Wir sitzen im Auto auf dem Weg ins Kino. Ich witzele: „Von mir aus könnte es jetzt sofort losgehen. Dann schaffen wir es auf jeden Fall auch in die Klinik, immerhin haben wir jetzt schon die Hälfte der Strecke und die Kliniktasche brauche ich ja eh nicht.“
Wir lachen. Noch.

Die Treppe im Parkhaus von U2 bis ins Erdgeschoss ist lang. Ich schnaufe, muss ein paar Mal stehen bleiben und witzele: „Treppensteigen soll ja bekanntlich Wehen fördern. Hahaha.“
Wir lachen. Noch.

In der Schlange an der Kinokasse. Mein Mann bestellt Nachos mit scharfer Soße. Ich witzele: „Du weißt schon, dass scharfes Essen Wehen anregen soll.“
Wir lachen. Noch.

Das Kino ist dreiviertelsleer. Der Film ist schön. Die Parkhausgebühren, für knappe drei Stunden, erschreckend teuer. Wir lassen uns die Laune nicht verderben und Lachen. Noch.

Zuhause schläft die große Tochter bereits. Die Oma verabschiedet sich. Es ist gerade erst halb neun. Ganz plötzlich überfällt mich eine unglaubliche Müdigkeit und ich beschließe jetzt sofort auf der Stelle ins Bett zu gehen.

Als ich aufwache ist es dunkel. Bestimmt schon früher Morgen, denke ich, so fühlt es sich an. Ich liege da, spüre in mich hinein. Irgendetwas fühlt sich komisch an. Ich spüre eine ganze Weile so vor mich hin. Vielleicht gehe ich einfach mal eine Runde prophylaktisch aufs Klo. Ich setze mich auf. Plötzlich alles nass. Ich sitze in einer riesigen Pfütze.

„Erik, meine Fruchtblase ist geplatzt!“
Mein Mann hebt sofort hellwach den Kopf: „Wie? Jetzt schon?“
„Erik, stell dir bloß vor, das ist jetzt so unwirklich, aber wahrscheinlich heute noch werden wir unser Baby in den Armen halten.“
Wir lachen. Immer noch!

Mein Blick wandert zur Uhr. Es ist gerade einmal kurz vor elf. Da habe ich mich ja ganz schön verschätzt.

Noch auf dem Weg ins Erdgeschoss höre ich schon die Tochter mir entgegen weinen. „Hm, blöd…“, denke ich etwas gestresst. Mein Mann versucht sie zu beruhigen, sie verlangt nach der Mama. Ich lege mich zu ihr ins Bett, während Erik, mit Hilfe meiner eigens für diesen Moment aufgestellten „fehlt-noch-für-Kreissaal-Herzchen-Liste“, den Koffer zu Ende packt.

„Sinnen!“ Ich singe. Drei Mal die vierte Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“, wie mir befohlen. Während ich noch denke: „O man, das wird nichts, sie ist zu wach…“ fahre ich plötzlich, wie vom Blitz getroffen, aus dem Bett. Dieses Gefühl kenne ich. Jedoch nicht schon so früh und nicht bereits so stark. Gewissheit. Wehe! „Erik, ruf deine Mama an, sie soll kommen, es geht diesmal alles viel schneller.“

20 Minuten und zwei Wehen später steht die Oma wieder in der Tür. „War noch gar nicht schlafen gegangen“, lacht sie. Wir lassen sie und das erneut zu weinen begonnene Kleinkind mit einem mulmigen Gefühl zurück.

„Wohin jetzt?“, fragt mein Mann im Auto während er den Motor anwirft. Ich zögere keine Sekunde. Wunschklinik. 45 Minuten Fahrt. Wir rufen nicht vorher an. „Und wenn ich dort auf dem Gang gebären muss – wir wissen ja schon, dass es auch ohne Kreißsaal geht. Nein, ich will nirgendwo anderes hin.“

Erik fährt los. Wir bestätigen noch einmal einvernehmlich die Namenswahl. Die Straße ist frei. Nur 40 Minuten und fünf Wehen später klingeln wir an der Kreissaaltür.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich hatte einen Blasensprung.“

„Sicher?“

„Ja, sicher. Ist nicht der Erste.“

Sie lächelt.

„Ach wie schön, na dann kommen Sie doch mal rein.“

Es ist mucksmäuschenstill. Ungewöhnlich still. „Heute Nacht war tatsächlich bisher noch niemand da“, erzählt die Hebamme während wir ihr den Gang entlang folgen. Die Tür zu Vorbereitungszimmer Nr. 1 steht offen. Ich muss stehen bleiben. Erinnerungen wie Blitzlichter ziehen vor meinem inneren Auge vorbei. Hier kam vor eineinhalb Jahren die Große zur Welt. Dramatisch, mit langem Nachhall, aber behütet. Mir wird ganz plötzlich selig warm innendrin und ich weiß genau: Hier sind wir richtig.

Das CTG bestätigt mein Gefühl. Herztöne gut. Alle 8- 10 Minuten Wehen. Nicht besonders spektakulär. Aushaltbar.

„Wollen Sie sich vielleicht erstmal noch ein bisschen ausruhen?“ Es ist nach zwei Uhr morgens. Erik erhält ein zweites Bett. „Melden Sie sich einfach, wenn Sie etwas brauchen.“ Mein Mann versucht zu schlafen. Seine Frau quasselt ihn zu. Erste gewagte Eigenprognose: „Bis zum Frühstück. Naja vielleicht auch Mittagessen. Also bis heute Abend ist sie da. Spätestens. Oder?“

Es kitzelt mich in den Füßen. Bewegung. Eine Stunde gebe ich ihm. „Erik, ich muss hier raus. Lass uns Spazieren gehen.“ Die Klinik ist wie verlassen. Wir suchen das nächste Treppenhaus. Wie bestellt verkürzt sich die Wehen Frequenz auf drei Minuten. Ich bin freudig fasziniert. Stehen bleiben. Veratmen. „So habe ich mir das vorgestellt.“

Auf dem Flur treffen wir die Hebamme.

„Brauchen Sie wirklich nichts?“

„Nein, wirklich nicht.“

Mit den Schmerzen kommen Sie zurecht?

„Ja, alles gut.“

„Kann ich Ihnen irgendetwas Gutes tun? Vielleicht ein Bad?“

Ich überlege kurz: „Hm, ich weiß nicht, ob ich jetzt Wasser gebrauchen kann. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, wenn ich sofort wieder die Wanne verlasse, wenn es mir nicht gefällt, dann würde ich das gerne probieren. Ich will keine unnötige Arbeit machen.“

Die Hebamme geleitet uns ins Bad. Während das Wasser einläuft begutachtet sie mich einige Minuten.

„Die kommen doch schon ganz schön häufig.“

„Ja.“

„Aber recht kurz.“

„Ja.“

„Vielleicht schreiben wir bevor Sie in die Wanne steigen noch ein CtG? Können Sie sich denn eine Geburt in der Wanne vorstellen?“

„Ähm…“

Es ist halb fünf. Die Wehen kommen ganz plötzlich Schlag auf Schlag. Die halbe Stunde CtG zieht sich ins unendliche. Muttermund 8 cm. Der Druck steigt.

„Bitte schieben Sie noch nicht mit, wir wollen ihn nicht verhärten.“

Okay. Ich konzentriere mich. Schnauben. Hilft.

Als ich endlich in die Wanne steige durchströmt mich Erleichterung.

„Ich gehe dann mal den Kreissaalvorbereiten.“ Sie geht.

Hier stehe ich nicht mehr auf, denke ich. Es braucht eine Weile bis ich registriere was los ist.

„Erik, ich glaube, ich habe keine Wehen mehr.“ Pause. Lange Pause. Plötzlich spüre ich den Kopf. Er drückt. Gewaltig. „Erik, ruf sie…“ Schnauben. „Sofort.“ Schnauben. „Das Baby kommt.“ Schnauben.

Sekunden später steht sie in der Tür. „Bitte, ich kann den Druck nicht mehr halten.“ Schnauben. Ich zittere am ganzen Körper. Sie reicht mir ein Handtuch und hilft mir aus dem Wasser.

„Der Flur ist leer. Na, dann machen Sie mal große Schritte, damit wir es noch in den Kreißsaal schaffen.“

Mit einem letzten großen Schritt erreiche ich den Kreißsaal. Die nächste Presswehe lässt mich vor dem Kreißbett in die Knie gehen. Schnauben. Zittern. Ich kauere auf dem Boden. Die Hebamme telefoniert.
„Darf ich immer noch nicht nachgeben? O bitte, es geht nicht mehr.“
Sie telefoniert. Immer noch. Nächste Presswehe.
Schnauben. Zittern. Jammern.

„Wollen Sie auf das Bett oder auf den Boden?“
Mir ganz egal. Boden.
Sie rollt eine Matte aus. Mein Mann schiebt mir einen Stuhl heran. Ich stütze mich ab.
Presswehe.
„Ich kann nicht mehr. Ich kann jetzt nicht mehr nicht mitgehen! Bitte, o bitte!“
„Na, dann schieben Sie doch mal mit!“
Die Erlösung. Endlich.
„Aber ich glaube, jetzt habe ich gar keine Wehen mehr…“
„O, das merken Sie schon, wenn wieder eine kommt.“

Pause. Es brennt. Ich registriere die Hebamme hinter mir.
„Was machen Sie da?“
„Na, ich würde mal meine Hand hinhalten, damit der Kopf gleich nicht auf den Boden dozt.“
Hat sie gerade Kopf gesagt? Jetzt schon? Das geht mir auf einmal jetzt doch alles ein bisschen schnell. Während ich noch denke, gleich ist es vorbei… Wehe.

Und da liegt sie. Unter mir. Den Rücken mir zugewandt und weint. Nein, sie wimmert. Ganz kläglich. Als wollte sie sagen: „Das ging auch mir jetzt ein bisschen schnell.“
In einer Wehe. Vom Kopf bis zum kleinen Zeh. Einfach so.

Ich zittere schon wieder. Verdrücke eine Träne vor Erleichterung.
„Darf ich sie hochnehmen?“
„Na klar. Achtung, sie ist rutschig.“
Mein Mann hilft mir.
Ich lege mich aufs Bett. Wir werden zugedeckt.
Das kleine Wesen in meinem Arm beruhigt sich langsam.
Ich halte sie ganz fest.
„Ich segne dich“, denke ich, „und du wirst ein Segen sein, mein Mädchen!“

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