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Kategorie: Leben eben

Dieser Tag

Dieser Tag

Ich werfe den Motor an. Das Baby Mädchen neben mir beruhigt sich und schläft nach wenigen Sekunden ein.
„O Auto, du mein bester Freund“, denke ich.
Ich atme zwei Mal tief durch. Was für ein Tag.  Ich atme. Endlich einen Moment Ruhe.

Moment vorbei.
„Sike“, fordert die Rückbank.
„Nein, jetzt gibt es keine Musik. Mama braucht jetzt einen Moment Ruhe“
„Mama, Kinder Sike!“, beharrt die Rückbank.
„Nein, es ist mir zu viel jetzt. Lies doch ein Buch“ Ich reiche, den Blick auf die Straße gerichtet, tastend eines nach hinten.
„Nei, nei, nei! Sike! Kinder Sike! Mama, sike!“ Das Buch segelt mir gegen die Schulter.
„Dann trink halt etwas, es ist mir egal, ich kann jetzt keine Musik brauchen.“ Ich reiche gereizt den Becher nach hinten. Im selben Moment liegt er auch schon auf dem Boden.
„Mama, dinken. Dinken. Mama dinken.“
Mein Stress Level steigt.
„Gerade habe ich dir den Becher gegeben. Du hast ihn runter geworfen. Da komme ich jetzt auch nicht mehr ran.“
„Mama, sike! Kinder sike! Mama!“
„Livi, ich hab nein gesagt. Es ist mir zu viel!“
Es ist mir alles zu viel. Dieser Tag. Alles.
Die Rückbank bricht in Tränen aus.
„Mama, sike! Mama! Mama!“
Ich schimpfe: „Hör auf zu weinen. Hör sofort auf zu weinen.“ Mein Blick fällt panisch auf den Sitz neben mir. „Und schrei nicht so, sonst ist Tali gleich wieder wach. Hör sofort auf zu weinen!“

Kraftlosigkeit. Kontrollverlust. Freier Fall.
Mein Schreien geht in ein Schluchzen über.
Dieser Tag. Ich kann nicht mehr.
Ich weine. Hemmungslos. Laut.
Die Rückbank ist plötzlich muchsmäuschen still.
Die Stille schreit mich an: „Hör auf zu weinen! Hör sofort auf zu weinen!“
Meine Worte.
Ein Schlag ins Gesicht.

„Mama?“ Angst liegt in ihrer Stimme.
„Mama, Arm nehmen.“
Ich fahre ran.
Wir sitzen auf dem Rinnstein zwischen Zigarettenstummeln und Glasscherben.
Mama weint.
„Eueueu, Mama, schau, Mülleaudo.“
Mama schaut.
„Eueueu. So groß.“ Livi lacht.
Ich drück sie an mich.
„Du, es tut mir leid.“
„Ja, Mama, da Mülleaudo.“
„Livi. Lass dir von niemanden deine Gefühle verbieten. Ja. Niemals! Du darfst weinen. Immer. Überall. Wenn du so fühlst.“
„Mama, Mülleaudo laud, so laud.“
„Gefällt dir das Müllauto?“
„Ja!“ Meine Zweijährige strahlt.

Wir steigen ins Auto. Der Motor läuft. Das Baby neben mir fängt an zu schreien.
Ich schalte die Musik an.

In Schubladen denken

In Schubladen denken

Ein Bild. Kein vollständiges. Aber eines, das mir hilft.

Mein Leben ist wie ein Apothekerschrank, vor dem ich auf und ab gehe. Viele viele Schubladen, mit vielen vielen Titeln. Labels. Zuschreibungen.
Manche davon stehen offen. Manche davon schon immer. Ich habe sie mir nicht ausgesucht. Andere kann ich öffnen. Andere nicht, auch wenn ich wollte.

Ab und zu erleben ich, dass andere Menschen versuchen mich in eine meiner Schubladen zu stecken und sie zu zu schieben. Vor lauter Schublade übersehen sie, dass diese Teil eines kompletten Schrankes ist und dass ich in eine einzige Schublade allein gar nicht hineinpasse.

Und doch, denke ich, vielleicht ist es ab und an auch Mal an der Zeit sich selbst in eine Schublade zu stecken. Vielleicht sogar eine neue. Vielleicht, um wieder einmal abzugrenzen woran ich eigentlich bin. Wo ich selbst stehe. Vielleicht, um dabei ganz neue Dinge zu entdecken.

Vor ein paar Wochen habe ich eine Schublade geöffnet, deren Betitelung mir bis dahin lange Zeit fremd, sogar abstoßend erschien.
Ein Titel, der, wie ich bis dahin glaubte, eigentlich nichts mit mir zu tun hat. Doch irgendwie war der Drang da mal hinein zu spickeln.

Und jetzt. Jetzt sitze ich in dieser Schublade und fühle mich überraschenderweise ganz schön wohl. Ich merke auf einmal, hinter dem Titel steckt viel mehr, als ich bisher dachte. Es scheint mir, als sei ich, ohne es zu wissen mein Leben lang auf der Suche nach dieser Schublade an meinen Schrank gewesen.
Ich habe mir sagen lassen 20% aller Menschen haben diese Schublade an ihrem Schrank, manche davon durchgehend geöffnet. Und das zu hören tut gut.

Hier sitzen mit mir viele viele andere. Andere von denen ich lernen darf. Andere, die mir erzählen, wie ihnen diese Schublade für den ganzen Schrank eine Bereicherung sein kann. Dass es sich lohnt diese Schublade besser kennen zu lernen und  dass ich mich nicht dafür schämen muss, dass sie an meinem Schrank überhaupt existiert.

Es scheint mir als eröffne mir diese Schublade die Möglichkeit das ganze Schranksystem ein wenig besser zu verstehen. Und wenn nicht verstehen, dann vielleicht Schritt für Schritt ihn wenigstens ein bisschen mehr anzunehmen, so wie er ist. Immer mit dem Wissen: Diese Schublade bin nicht ich. Aber sie ist ein Teil von mir. Und das ist okay. Und völlig normal. Irgendwie befreiend.

Vielleicht muss ich noch ein bisschen an ihrem Titel rum kratzen, da mir dieser immer noch nicht gefällt. Oder vielleicht übermale ich ihn einfach mit Blumen, denn die tun mir immer gut.

Vielleicht ist es ab und an auch Mal an der Zeit sich selbst in eine Schublade zu stecken. Vielleicht sogar eine neue. Vielleicht, um wieder einmal abzugrenzen woran ich eigentlich bin. Wo ich selbst stehe. Vielleicht, um dabei ganz neue Dinge zu entdecken.

Neues von der Super-Mom

Neues von der Super-Mom

Mein Mann verstand die Welt nicht mehr, als ich gestern Abend, weinend in seinem Arm auf dem Sofa erklärte, dass ich die falschen Schnuller für unsere Jüngste ausgesucht hatte. Dass sie nun wohl einen Schaden davon tragen würde. Und ich war Schuld. Ich wollte es doch so richtig machen. So wie immer.

Es war mir überhaupt schon schwer gefallen mich zu einem Schnuller durchzuringen. Meine Hebamme warnte vor Saugverwirrung und auch das Internet ergab ganz klar: Am besten ist ohne!

Bei Nr. 1 „Anfängerbaby“ waren wir quasi gar nicht auf die Idee gekommen einen Sauger anzubieten. Aber Nr. 2, viel geplagt von Bauchschmerzen und Co., war nach einigen Tagen schon ganz offensichtlich ein klassisches Schnullerbaby.

Ich informierte mich. Der Fokus war ganz klar gesetzt: Kein Risiko mit dem Stillen eingehen! Daher entschied ich mich, zusätzlich aus ökologischen und auch optischen Gründen, für einen Schnuller in kirschsauger Form.

Das Kind liebt ihn. Am liebsten Tag und Nacht. Er tut ihr gut und uns auch. Zudem entlastet er meine Brust, die nach 12 Wochen immer noch mindestens alle zwei Stunden aufgesucht wird.

Alles gut. Dachte ich. Bis gestern Abend.
Ausgerechnet auf einen Schlag laß ich auf drei unterschiedlichen Seiten Kommentare von Mamas die ausdrücklich andere Frauen vor diesen Schnullern warnten. Sofort fühlte ich mich direkt angesprochen. Großer Druck auf den Gaumen. Kieferfehlstellung. Schiefe Zähne. …

Ich war schockiert. Von mir selbst. Wie konnte ich meinem Kind nur soetwas antun. Und dann hatte ich ihn am selben Tag, nur vor wenigen Stunden, auf Nachfrage hin, sogar noch weiterempfohlen.

Wenn das Gefühlskarussell einmal kreist, dann ist es schwer auszusteigen. Da hilft mir auch kein: „Nimm es dir nicht so zu Herzen.“
Also sitze ich da und weine. Weine darüber, dass ich so eine furchtbar schlechte Mutter bin. Weine darüber, dass ich meinem Kind einen gefährlichen Schnuller gegeben habe und dass sie jetzt auch noch weint, weil ich ihn ihr soeben wieder weggenommen habe.

Eigentlich weiß ich es und doch bin ich froh, dass mein Mann es mir in diesem Moment noch einmal sagte. Was in vielen Momenten meine Stärke ist, wird schnell zu meiner größten Schwäche. Und das ist ok. Und muss auch nicht verstanden werden von anderen. Es ist nicht falsch. Aber es braucht Raum. Für den Moment.

Und dann, wenn das Karussell wieder langsamer wird und ich es schaffe abzusteigen, dann weiß ich. Ich bin nicht Super-Mom, auch wenn ich es gern wäre. Und das ist okay. Einmal durchschnaufen. Gnade empfangen. Denn genau dafür ist sie da. Für meinen kleinen, lächerlichen Mama-Fehler-Alltag. Und dann weiter machen. Nicht aus eigener Kraft. Nicht perfekt.

Wir haben versucht ihr in der Nacht einen „kiefergerechten Schnuller “ unterzujubeln. Sie mag ihn nicht. Sie will den „gefährlichen“. Und ich geb ihn ihr. Reduziert. Aber befreit.

Wunderschön „langweiliger“ Geburtsbericht

Wunderschön „langweiliger“ Geburtsbericht

Die Geburt unserer zweiten Tochter

Freitag Spätnachmittag. Wir sitzen im Auto auf dem Weg ins Kino. Ich witzele: „Von mir aus könnte es jetzt sofort losgehen. Dann schaffen wir es auf jeden Fall auch in die Klinik, immerhin haben wir jetzt schon die Hälfte der Strecke und die Kliniktasche brauche ich ja eh nicht.“
Wir lachen. Noch.

Die Treppe im Parkhaus von U2 bis ins Erdgeschoss ist lang. Ich schnaufe, muss ein paar Mal stehen bleiben und witzele: „Treppensteigen soll ja bekanntlich Wehen fördern. Hahaha.“
Wir lachen. Noch.

In der Schlange an der Kinokasse. Mein Mann bestellt Nachos mit scharfer Soße. Ich witzele: „Du weißt schon, dass scharfes Essen Wehen anregen soll.“
Wir lachen. Noch.

Das Kino ist dreiviertelsleer. Der Film ist schön. Die Parkhausgebühren, für knappe drei Stunden, erschreckend teuer. Wir lassen uns die Laune nicht verderben und Lachen. Noch.

Zuhause schläft die große Tochter bereits. Die Oma verabschiedet sich. Es ist gerade erst halb neun. Ganz plötzlich überfällt mich eine unglaubliche Müdigkeit und ich beschließe jetzt sofort auf der Stelle ins Bett zu gehen.

Als ich aufwache ist es dunkel. Bestimmt schon früher Morgen, denke ich, so fühlt es sich an. Ich liege da, spüre in mich hinein. Irgendetwas fühlt sich komisch an. Ich spüre eine ganze Weile so vor mich hin. Vielleicht gehe ich einfach mal eine Runde prophylaktisch aufs Klo. Ich setze mich auf. Plötzlich alles nass. Ich sitze in einer riesigen Pfütze.

„Erik, meine Fruchtblase ist geplatzt!“
Mein Mann hebt sofort hellwach den Kopf: „Wie? Jetzt schon?“
„Erik, stell dir bloß vor, das ist jetzt so unwirklich, aber wahrscheinlich heute noch werden wir unser Baby in den Armen halten.“
Wir lachen. Immer noch!

Mein Blick wandert zur Uhr. Es ist gerade einmal kurz vor elf. Da habe ich mich ja ganz schön verschätzt.

Noch auf dem Weg ins Erdgeschoss höre ich schon die Tochter mir entgegen weinen. „Hm, blöd…“, denke ich etwas gestresst. Mein Mann versucht sie zu beruhigen, sie verlangt nach der Mama. Ich lege mich zu ihr ins Bett, während Erik, mit Hilfe meiner eigens für diesen Moment aufgestellten „fehlt-noch-für-Kreissaal-Herzchen-Liste“, den Koffer zu Ende packt.

„Sinnen!“ Ich singe. Drei Mal die vierte Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“, wie mir befohlen. Während ich noch denke: „O man, das wird nichts, sie ist zu wach…“ fahre ich plötzlich, wie vom Blitz getroffen, aus dem Bett. Dieses Gefühl kenne ich. Jedoch nicht schon so früh und nicht bereits so stark. Gewissheit. Wehe! „Erik, ruf deine Mama an, sie soll kommen, es geht diesmal alles viel schneller.“

20 Minuten und zwei Wehen später steht die Oma wieder in der Tür. „War noch gar nicht schlafen gegangen“, lacht sie. Wir lassen sie und das erneut zu weinen begonnene Kleinkind mit einem mulmigen Gefühl zurück.

„Wohin jetzt?“, fragt mein Mann im Auto während er den Motor anwirft. Ich zögere keine Sekunde. Wunschklinik. 45 Minuten Fahrt. Wir rufen nicht vorher an. „Und wenn ich dort auf dem Gang gebären muss – wir wissen ja schon, dass es auch ohne Kreißsaal geht. Nein, ich will nirgendwo anderes hin.“

Erik fährt los. Wir bestätigen noch einmal einvernehmlich die Namenswahl. Die Straße ist frei. Nur 40 Minuten und fünf Wehen später klingeln wir an der Kreissaaltür.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich hatte einen Blasensprung.“

„Sicher?“

„Ja, sicher. Ist nicht der Erste.“

Sie lächelt.

„Ach wie schön, na dann kommen Sie doch mal rein.“

Es ist mucksmäuschenstill. Ungewöhnlich still. „Heute Nacht war tatsächlich bisher noch niemand da“, erzählt die Hebamme während wir ihr den Gang entlang folgen. Die Tür zu Vorbereitungszimmer Nr. 1 steht offen. Ich muss stehen bleiben. Erinnerungen wie Blitzlichter ziehen vor meinem inneren Auge vorbei. Hier kam vor eineinhalb Jahren die Große zur Welt. Dramatisch, mit langem Nachhall, aber behütet. Mir wird ganz plötzlich selig warm innendrin und ich weiß genau: Hier sind wir richtig.

Das CTG bestätigt mein Gefühl. Herztöne gut. Alle 8- 10 Minuten Wehen. Nicht besonders spektakulär. Aushaltbar.

„Wollen Sie sich vielleicht erstmal noch ein bisschen ausruhen?“ Es ist nach zwei Uhr morgens. Erik erhält ein zweites Bett. „Melden Sie sich einfach, wenn Sie etwas brauchen.“ Mein Mann versucht zu schlafen. Seine Frau quasselt ihn zu. Erste gewagte Eigenprognose: „Bis zum Frühstück. Naja vielleicht auch Mittagessen. Also bis heute Abend ist sie da. Spätestens. Oder?“

Es kitzelt mich in den Füßen. Bewegung. Eine Stunde gebe ich ihm. „Erik, ich muss hier raus. Lass uns Spazieren gehen.“ Die Klinik ist wie verlassen. Wir suchen das nächste Treppenhaus. Wie bestellt verkürzt sich die Wehen Frequenz auf drei Minuten. Ich bin freudig fasziniert. Stehen bleiben. Veratmen. „So habe ich mir das vorgestellt.“

Auf dem Flur treffen wir die Hebamme.

„Brauchen Sie wirklich nichts?“

„Nein, wirklich nicht.“

Mit den Schmerzen kommen Sie zurecht?

„Ja, alles gut.“

„Kann ich Ihnen irgendetwas Gutes tun? Vielleicht ein Bad?“

Ich überlege kurz: „Hm, ich weiß nicht, ob ich jetzt Wasser gebrauchen kann. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, wenn ich sofort wieder die Wanne verlasse, wenn es mir nicht gefällt, dann würde ich das gerne probieren. Ich will keine unnötige Arbeit machen.“

Die Hebamme geleitet uns ins Bad. Während das Wasser einläuft begutachtet sie mich einige Minuten.

„Die kommen doch schon ganz schön häufig.“

„Ja.“

„Aber recht kurz.“

„Ja.“

„Vielleicht schreiben wir bevor Sie in die Wanne steigen noch ein CtG? Können Sie sich denn eine Geburt in der Wanne vorstellen?“

„Ähm…“

Es ist halb fünf. Die Wehen kommen ganz plötzlich Schlag auf Schlag. Die halbe Stunde CtG zieht sich ins unendliche. Muttermund 8 cm. Der Druck steigt.

„Bitte schieben Sie noch nicht mit, wir wollen ihn nicht verhärten.“

Okay. Ich konzentriere mich. Schnauben. Hilft.

Als ich endlich in die Wanne steige durchströmt mich Erleichterung.

„Ich gehe dann mal den Kreissaalvorbereiten.“ Sie geht.

Hier stehe ich nicht mehr auf, denke ich. Es braucht eine Weile bis ich registriere was los ist.

„Erik, ich glaube, ich habe keine Wehen mehr.“ Pause. Lange Pause. Plötzlich spüre ich den Kopf. Er drückt. Gewaltig. „Erik, ruf sie…“ Schnauben. „Sofort.“ Schnauben. „Das Baby kommt.“ Schnauben.

Sekunden später steht sie in der Tür. „Bitte, ich kann den Druck nicht mehr halten.“ Schnauben. Ich zittere am ganzen Körper. Sie reicht mir ein Handtuch und hilft mir aus dem Wasser.

„Der Flur ist leer. Na, dann machen Sie mal große Schritte, damit wir es noch in den Kreißsaal schaffen.“

Mit einem letzten großen Schritt erreiche ich den Kreißsaal. Die nächste Presswehe lässt mich vor dem Kreißbett in die Knie gehen. Schnauben. Zittern. Ich kauere auf dem Boden. Die Hebamme telefoniert.
„Darf ich immer noch nicht nachgeben? O bitte, es geht nicht mehr.“
Sie telefoniert. Immer noch. Nächste Presswehe.
Schnauben. Zittern. Jammern.

„Wollen Sie auf das Bett oder auf den Boden?“
Mir ganz egal. Boden.
Sie rollt eine Matte aus. Mein Mann schiebt mir einen Stuhl heran. Ich stütze mich ab.
Presswehe.
„Ich kann nicht mehr. Ich kann jetzt nicht mehr nicht mitgehen! Bitte, o bitte!“
„Na, dann schieben Sie doch mal mit!“
Die Erlösung. Endlich.
„Aber ich glaube, jetzt habe ich gar keine Wehen mehr…“
„O, das merken Sie schon, wenn wieder eine kommt.“

Pause. Es brennt. Ich registriere die Hebamme hinter mir.
„Was machen Sie da?“
„Na, ich würde mal meine Hand hinhalten, damit der Kopf gleich nicht auf den Boden dozt.“
Hat sie gerade Kopf gesagt? Jetzt schon? Das geht mir auf einmal jetzt doch alles ein bisschen schnell. Während ich noch denke, gleich ist es vorbei… Wehe.

Und da liegt sie. Unter mir. Den Rücken mir zugewandt und weint. Nein, sie wimmert. Ganz kläglich. Als wollte sie sagen: „Das ging auch mir jetzt ein bisschen schnell.“
In einer Wehe. Vom Kopf bis zum kleinen Zeh. Einfach so.

Ich zittere schon wieder. Verdrücke eine Träne vor Erleichterung.
„Darf ich sie hochnehmen?“
„Na klar. Achtung, sie ist rutschig.“
Mein Mann hilft mir.
Ich lege mich aufs Bett. Wir werden zugedeckt.
Das kleine Wesen in meinem Arm beruhigt sich langsam.
Ich halte sie ganz fest.
„Ich segne dich“, denke ich, „und du wirst ein Segen sein, mein Mädchen!“

Einleitende Worte zu einem wunderschön „langweiligen“ Geburtsbericht

Einleitende Worte zu einem wunderschön „langweiligen“ Geburtsbericht

Ich überlege seit Tagen, ob ich noch einen Geburtsbericht schreiben soll. Es mag vielleicht komisch klingen, aber wenn ich an Talis Geburt zurück denke, dann scheint sie mir zu glatt, zu perfekt, irgendwie zu „langweilig“ um überhaupt aufgeschrieben zu werden. Es scheint mir, als habe ich vieles bereits sowieso vergessen…

Die Geburt meiner ersten Tochter Livi hingegen beschäftigte mich Wochen, nein sogar Monate, jeden Tag aufs neue. Ich musste viele Male erzählen, schreiben, bearbeiten, voller Erfurcht und erfüllt von Dankbarkeit. Bis heute hat diese erste Geburt einen langen Nachhall, immer in dem Bewusstsein, dass das Leben dieses kleinen Mädchens keine Selbstverständlichkeit ist. Dass sie uns nach schlimmen Komplikationen aus Gnade allein geschenkt worden war, ganz ohne unser zutun. Wir konnten damals nur vertrauen und empfangen.Tatsächlich hatte dieses kleine Wunder uns, einfach nur durch sein kommen, in seinen ersten Wochen schon näher an Gott gebracht als wir es gefühlt vorher je gewesen waren.

Talis Geburt war anders: Schnell, relativ schmerzarm, komplikationslos. Man könnte sagen perfekt. Traumhaft. Wie sehr hatte ich mir diese zweite, so heilsame Geburt gewünscht, wie oft darum gebangt, wie oft darum gebeten.
Mein Mann fasste es die Tage einmal so zusammen: „Diese zweite Geburt brauchte keine Wunder, keinen Gott. Und verrückter Weise liegt genau darin wiederum ihre Nähe zu ihm. Sie ist eine einzige Gebetserhörung.“

Ich überlege seit Tagen, ob ich noch einen Geburtsbericht schreiben soll. Es mag vielleicht komisch klingen, aber wenn ich an Talis Geburt zurück denke, dann scheint sie mir irgendwie zu „langweilig“ um überhaupt aufgeschrieben zu werden. Doch wisst ihr was, genau dafür bin ich unendlich dankbar! Genau so sollte sie sein! Genau in der so ersehnten „Langeweile“ verbirgt sich das Wunder, begegne ich Gott. Vielleicht sollte ich schreiben, um genau das nicht zu vergessen.

Kann man einen Blog führen, wenn man eigentlich vor der Konsequenz Angst hat, dass jeder einen lesen kann?

Kann man einen Blog führen, wenn man eigentlich vor der Konsequenz Angst hat, dass jeder einen lesen kann?

Oder: Warum ich keine Angst mehr haben möchte!

Ich habe mich in letzter Zeit oft gefragt, warum ich eigentlich schreibe – also öffentlich – und ob es nicht besser wäre das Ganze wieder einzustellen. Grund dafür war vor allem eine mich schon seit Monaten beschäftigende Frage, die eigentlich für mich bereits Thema vor dem Beginn dieses Blogs war. Ich denke, ich kann für mich gut abschätzen, was ich von mir im Internet sehen will und was nicht. Aber: In welcher Form darf meine Tochter Teil meines Social Media „Auftritts“ und Teil meines Blogs sein?

Hier geht es für mich nicht nur, um ihren Namen oder ihr Gesicht, das viele Blogger von ihren Kindern zwar geheim halten, sondern auch oder vor allem, um ihren Charakter, ihr Erleben, ihr Sein an sich, das was ihr Gesicht und ihren Namen eigentlich überhaupt erst angreifbar und verletzlich macht. Was gebe ich preis und was nicht?

In welcher Form darf meine Tochter Teil meines Social Media „Auftritts“ und Teil meines Blogs sein?

Ich folge vielen Blogs und Accounts auf Instagram, da weiß ich zwar nicht den Namen des Kindes und habe von klein P, Q und R auch bisher immer nur ein halbes Gesicht, ein Auge oder Ohr gesehen, aber kenne trotzdem sein/ ihr Lieblingsessen, weiß wann er oder sie abends ins Bett geht und welches Lied ihm oder ihr dabei gesungen wird. Diese Accounts geben sehr viel preis. Zu viel? Da lese ich ganz wunderbare Traditionen und witzige Kindersprüche, bin beruhigt, dass klein S auch noch nicht krabbelt und ich mir um unser Mädchen wohl keine Sorgen machen muss. Auf der anderen Seite aber werden auch Krankheiten, schrullige Angewohnheiten, Ängste und private Details bekannt gegeben, oft unter dem so beliebten Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram, in der Annahme, das Kind sei durch die Zensur des Namens und des Gesichts geschützt. Da werde ich dann manchmal etwas stutzig…

Ich glaube nicht, dass ein grundsätzliches Problem darin besteht, dass Kinder in den Sozialen Medien auftauchen. Dass Kinder ein Gesicht und einen Namen haben. Kinder sind Teil dieser Welt, und sollten überall einen viel stärkeren und geliebten Platz einnehmen, was sie in den aller meisten Bereichen, ganz abseits der digitalen Medien, leider schon oft nicht tun. Im Gegenteil: Kind zu sein und ein Kind zu haben drängt einen heutzutage meist eher ins Abseits. So stellt für mich die reine Zensur des Gesichts meiner Tochter keine Lösung des Problems dar. Sie ist Teil meines Lebens und das prägend in allen Bereichen im Moment. Ich denke sogar, dass das Zensieren ihres Gesichts mich sogar daran hindert weiter aktiv immer aufs Neue nachzufragen, warum und aus welchen Motiven ich über meine Tochter schreibe oder ein Bild von ihr poste. Denn eine Annahme, denke ich ist grundsätzlich problematisch: Zu meinen, man sei im Internet anonym, oder hätte seine Bilder und Worte unter Kontrolle, auch wenn man sie in einem privaten Account veröffentlicht.

Ich denke, wir sollten, statt unsere Kinder nur optisch zu zensieren grundlegender überdenken, was wir im Internet schreiben und zeigen. Natürlich ganz besonders alles was mit unseren Kindern zu tun hat, ihren Namen, ihr Gesicht, ihren Charakter, wie sie sich entwickeln, was sie fühlen, vielleicht einmal sagen und denken, aber auch darüber hinaus alles andere, was ich hier schreibe, fühle und denke – ganz öffentlich für euch alle lesbar.

Ich denke, wir sollten, statt unsere Kinder nur optisch zu zensieren grundlegender überdenken, was wir im Internet schreiben und zeigen.

Oft tendiere ich dazu vor Unbekanntem Angst zu haben und mich daher komplett davor zu verschließen. Lieber keinen Fehler machen. Fast täglich bin ich bisher kurz davor gewesen meinen Blog zu löschen, dem Internet den Rücken zuzukehren. Ja, das ist eine Option, die ich habe. Die Angst davor, hier Fehler zu machen, ist groß. Die Angst davor, nicht die Kontrolle zu haben. Kann man einen Blog schreiben, wenn man eigentlich vor der Konsequenz Angst hat, dass Jeder einen lesen kann? Ich denke, ja. Ich möchte keine Angst mehr haben. Ich möchte dort anfangen, wo ich die Kontrolle habe und das ist die Kontrolle über das, was ich schreibe. Ja, das Internet hat für uns alle eine große Unbekannte, die einem schnell Angst einjagen kann. Und dennoch: Ich möchte nicht aus Angst heraus handeln, sondern aus Achtsamkeit, Vorsicht und Entschlossenheit.

Ich möchte dort anfangen, wo ich die Kontrolle habe und das ist die Kontrolle über das, was ich schreibe.

Damit dies vielleicht besser gelingen kann habe ich mit meinem Mann daher folgende Vereinbarung getroffen, die mir helfen soll achtsam zu bleiben, was Entscheidung zu Veröffentlichungen, ganz besonders im Zusammenhang mit unserer Tochter, angeht.
Bei Bildern, die ästhetisch ansprechend sind und dazu beitragen Inhalte zu unterstützen, die ich gerne herüberbringen möchte, steht einer Veröffentlichung eigentlich erst mal nichts im Wege. Grundsätzlich möchte ich, wenn ich über meine Tochter erzähle, egal ob hier oder auf der Straße, eine liebevolle Haltung dabei einnehmen.
Zusätzlich frage ich mich zum Beispiel mittlerweile vor einem neuen Post immer: Warum willst du diesen jetzt veröffentlichen? Hin und wieder passiert es mir, dass ich mich dabei selbst entlarve, es um Likes oder Herzen für meine wunderhübsche Tochter und damit mein Ego geht und ich lösche diese, wenn ich es nicht bereits vorher gemerkt habe, einige Minuten nach der Veröffentlichung direkt. Ich habe hier mittlerweile ein sehr gutes Gefühl entwickelt und mein schlechtes Gewissen schlägt sofort Alarm, wenn ich hier nicht ganz im Reinen mit mir bin.
Daher: Ich denke es ist wichtig grundsätzlich feinfühlig zu belieben, bei jedem neuen Beitrag und sich nicht mit einer Entscheidung „Zensur von Gesicht und Namen“ zufrieden zu geben, und unter dieser so verlockend scheinenden Anonymität alles Preis zu geben.

Grundsätzlich möchte ich, wenn ich über meine Tochter erzähle, egal ob hier oder auf der Straße, eine liebevolle Haltung dabei einnehmen.

Warum ich eigentlich schreibe? Vielleicht ist dieser Text alleine in sich wiederum schon eine Antwort auf diese Frage. Ich versuche Worte zu finden, für Dinge, die mich beschäftigen, umtreiben, mein Leben prägen, um daraus zu lernen, reflektieren, neu zu begreifen und vielleicht regt es dann hier auch den ein oder anderen zum Denken an – das wäre schön, denn gemeinsam denken und sich darüber austauschen, ist schöner als alleine.
Lernen durch erleben, bedenken, beschreiben und beschwätzen – jetzt gerade mal öffentlich mit euch, morgen sieht das vielleicht schon wieder anders aus, denn wisst ihr was gut ist: Ich kann jeden Tag neu diese Entscheidung treffen, was ich mit euch teilen will und was nicht.

Warum ich eigentlich schreibe? Vielleicht ist dieser Text alleine in sich wiederum schon eine Antwort auf diese Frage.

Wir handhabt es ihr das mit Veröffentlichungen von euch selbst und euren Kindern im Internet? Und überhaupt: Warum schreibt ihr hier?

Aus seinem Arm

Aus seinem Arm

Als ich heute vor acht Monaten in den Wehen lag – nein besser, stand, lief und kreiste – hörte ich immer wieder die gleiche Abfolge eines Vorgangs durch die Wände aus den anliegenden Räumen in unser Zimmer schallen. Erst der Schrei einer Frau und nur einige Sekunden danach der eines Babys. Diese genaue Abfolge wiederholte sich vier, fünf, sechs Mal in den vielen Stunden, die wir in unserem Vorbereitungsraum verbrachten. Es war wie eine sehr eigene Melodie in meinen Ohren, die mir jedes Mal aufs neue ein Lächeln, in das ansonsten so angespannte Gesicht zauberte, und wie ein Bote in die nicht enden wollenden Wellen des Schmerzes hinein verkündete: „Auch du wirst früher oder später diesen Moment erleben. Der Moment, an dem es vollbracht ist.“ Es würde schlimm werden, ja, vermutlich würde ich vor Schmerz schreien, aber das war nicht das Ende der Melodie, nein, dann kamen ihre Töne, da war ich gewiss. Und es machte mir in diesem Moment Mut und Hoffnung.

Und wirklich, so war es. Sie kamen, ihre Töne, jedoch ganz anders als ich sie erwartet hatte. Mein Schrei, der so brav dem irdischen Geburts-Protokoll gefolgt war, wurde nicht erwidert von Lauten des Schmerzes, von der Stimme eines verängstigten, verloren kleinen Wesens, in dieser so fremden, neuen Welt. Nein, in ihrem klaren Blick, so friedlich, ruhig, ganz still, sang eine ganz andere Melodie. In diesen kleinen weit aufgerissenen, fast schwarzen Augen lag alles Wissen, nicht dieser, sondern der Welt, aus der sie gekommen waren. Es war mir, als sähe ich noch für einen Moment den Spiegel seines Antlitzes in ihren Augen schimmern. Sie kam direkt aus seinem Arm, hier in meinen Schoß, mir die Botschaft verkündend, dass alles woran ich glaubte, dass er, der die Liebe selbst ist, Wirklichkeit war!

Heute ist die Nudel acht Monate alt. Ihre strahlend blauen Augen erzählen oft von neuem Wissen, von Freude über neu erlerntes, über Zufriedenheit und Liebe. Jedoch erzählen sie auch so oft schon von Unverständnis, von Trauer, oder gar Schmerz. Sie ist zu einem Menschlein dieser Erde geworden – wie du und ich! Und mit jedem neuen Tag, den wir gemeinsam erleben dürfen, wird mir ein bisschen mehr bewusst, wie wenig es in meiner Macht steht, dass ihr Leben auf dieser Erde gelingt. Dass ihr Blick mehr Tage des Lichts als der der Dunkelheit erlebt. Dass die Tränen der Freude, mehr sein mögen, als die des Schmerzes und der Trauer.

Nein, es ist nicht in meiner Hand. Doch ich verspreche dir, mein Kind, bei allem was kommt, eines Tages werden deine Augen wieder voller Friede und vollkommener Freude erstrahlen, wie an diesem ersten Tag. Dann, wenn du ihm, aus dessen Arm du gekommen bist, wieder gegenübertrittst und seine Arme dich empfangen, noch offen, wie am Tage deines Abschiedes, nur auf dich wartend!

Man kann Kuchen so oder so backen

Man kann Kuchen so oder so backen

Am Tag nachdem ich mit meinem Blog online gegangen war, sagte eine Person zu mir: „Jetzt musst du am besten gleich nachlegen, damit die Leute dran bleiben!“ Sie meinte es bestimmt nur lieb. Zwei Tage jedoch hatte ich einen unglaublichen Druck, der mich sehr belastete. Bei jeder Begegnung, jedem Gespräch lief in meinem Gehirn immer gleichzeitig wie ein Filter ab, auf der Suche aus einem meiner Erlebnisse eine geeignete Story für den Blog zu ziehen. Ich schlug Backbücher auf, mit dem Gedanken, welchen Kuchen ich als nächstes auf dem Blog zeigen könnte, ging in die Bücherei, auf der Suche nach Basteltipps – für den Blog!

Nach zwei Tagen war ich deprimiert. So hatte ich mir das Bloggen nicht vorgestellt. Das war ja Stress pur und einen neuen Beitrag hatte ich immer noch nicht geschrieben und irgendwie auf einmal auch gar keine Lust mehr dazu. Dabei hatte ich zu Beginn, als noch niemand, außer meine besten Freundinnen, mitlesen durften, so viel Spaß daran gehabt. Irgendetwas hatte sich verändert…

Da viel mir dieser wohl gut gemeinte Ratschlag wieder ein. „Du musst liefern“ und auf einmal wurde mir bewusst, was sich verändert hatte…

Ihr lieben Mitleser. In erster Linie schreibe ich für mich. Ihr dürft MITlesen, wenn ihr wollt. Mitlesen, mitdenken, mitfühlen, mitschwätzen… Alles sehr gerne!
Aber: Ich will nicht Kuchen backen und essen, weil ich ihn euch dann zeigen kann, sondern ihn euch zeigen, weil ich ihn gebacken und gegessen habe. Das ist für mich ein großer Unterschied, wenn ihr versteht.?

Ich freue mich, wenn ihr mich weiter beim Kuchen essen begleiten wollt. Aber denkt dran: Es ist mein Kuchen nicht eurer. Backt euch euren eigenen. ??

P.S. Ein Rezept für einen Apfelkuchen vom Blech findet ihr gleich Hier! Viel Spaß! 😉

Ich bin Perfektionist

Ich bin Perfektionist

Ich bin Perfektionist. Was manchmal schon echt zwanghafte Züge annehmen kann. Ich räume lieber das ganze Besteckfach der Spülmaschine noch einmal um, als eine Gabel neben ein Messer zu legen, weil der bemessene Platz neben den fein säuberlich aufgereihten Gabeln für diese eine nicht mehr gereicht hat.
Ich bin Perfektionist. Ich habe geschlagene zehn Minuten damit verbracht den vorangegangenen Satz über Messer und Gabeln zu formulieren, zu löschen, wieder neu zu formulieren, um ihn schließlich noch einmal so abzuändern, dass er endlich passt – oder vielleicht doch nicht? Mit diesem Satz habe ich das selbe getan und mit allen weiteren die ich hier noch schreiben werde, wird es wohl genauso sein. Und am Ende bin ich immer noch nicht zufrieden…

Gestern in unserer Krabbelgruppe hatte eine Mutter, nachdem wir alle Babys im Morgenkreis singend begrüßt, die üblichen Reime und Fingerspiele durch exerziert und dann alle Kinder – bis auf meines – auf der Krabbeldecke mit ausreichend Spielzeug versorgt abgestellt hatten, einen Impuls für uns Mütter mitgebracht. In Wirklichkeit, müsst ihr wissen, ist unsere Krabbelgruppe gar nicht Livis Gruppe, sondern meine. Da mein Kind, wenn es zwischen 10 und 11 Uhr am Vormittag nicht gerade schläft, so müde ist, dass es von meinem Schoß aus, nur mit letzter Kraft und gegen die zufallenden Augen ankämpfend, gerade so noch das Geschehen auf der voll Leben bewuselten Decke betrachten kann. Ich hingegen trinke Tee, esse Kekse – im besten Fall sogar Kuchen – und habe alle Zeit der Welt mich mit Gleichgesinnten über alle Themen des Mamadaseins auszutauschen, bei denen andere Menschen ohne Kinder, meist nach einigen Minuten schon die Augenrollen.

Im besagten Impuls, ein Auszug aus einem Buch dessen Titel und Autor mir leider entging, da er im Streit der zwei ältesten der Gruppe auf dem Teppich um die heißbegehrte Rasselgiraffe unter ging, berichtete eine Mutter darüber, wie unglücklich sie der tägliche Vergleich mit der perfekten „Super-Mom von nebenan“ mache. Nach seitenlanger Jammerei, bei der die Super-Mom von nebenan ganz schön einstecken musste, kam sie schließlich zu dem Schluss, dass sie, der Super-Mom zum Trotz, nicht so perfekt sein müsse. Sowieso, in den Augen ihres Kindes, sei sie auch ungeschminkt, mit ungewaschen Haaren, unaufgeräumter Küche und den sich häufenden Wäschebergen im Keller perfekt! Allein der Blick ihres Kindes, darauf käme es an.

Im anschließenden Gespräch stellte sich heraus, dass sich durch den Text die anwesenden Mütter unglaublich ermutigt fühlten und alle waren sich einig: Nein, so eine, wie diese Super-Mom, wollte man ganz sicher nicht sein. Alle waren sie mit diesem Ergebnis zufrieden. Alle, bis auf mich.

Den ganzen Text über hatte ich mich mehr und mehr Super-Mom solidarisch gefühlt. Irgendwie tat sie mir unglaublich leid. Was konnte sie denn dafür, dass andere sie sich als Maßstab setzten. Ob sie überhaupt wusste, dass andere sie für Super-Mom hielten? Bestimmt war diese Frau nur eine in sich selbst gefangene Perfektionistin, die gar nicht anders kann als dort, wo sie ihre Stärken sieht, gleichzeitig immer auch das Beste zu geben. Auf einmal sah ich sie vor mir: Super-Mom, weinend in ihrer wunderschön aufgeräumten Wohnung, irgendwann an ihrem eigenen Perfektionismus zerbrechend. Sah denn niemand, dass Super-Mom selbst am aller meisten unter sich selber litt?
Super-Mom kann in der Öffentlichkeit kein Tragetuch binden ohne den Gedanken daran, dass vielleicht gleich eine Trageberatung um die Ecke kommt, die ihr sagt, dass dieses Tuch, aber nicht perfekt gebunden ist. Super-Mom kann ihrem Kind kein gekauftes Gläschen füttern, denn sie leidet daran, dass sie diesen Brei nicht selbst gekocht hat. Super-Mom muss einfach perfekt sein, nicht nur in der Öffentlichkeit, auch in den eigenen vier Wänden. Und das nicht, für irgendjemand anderen, nein von einem inneren Zwang getrieben, alleine für sich selbst. Selbst nie zufrieden mit dem eigenen Ergebnis. Nie in der lange die selbstgesteckten Maßstäbe zu erreichen. Und darunter leidet sie. Still und heimlich, bis zu dem jetzigen Zeitpunkt nicht einmal im Bilde darüber, in den Augen anderer womöglich die wahrhaftige Super-Mom zu sein. Vom Perfektionismus getrieben – unfrei!

Ich bin Perfektionist. Immer wieder hadere ich damit nicht perfekt zu sein. Besonders schwer fällt mir das in den Bereichen, in denen ich auch wirklich davon überzeugt bin gutes Leisten zu können. Auf meine Rechtschreibung und Zeichensetzung, zum Beispiel, gebe ich nicht viel. Ich habe erkannt und eingesehen, dass ich hier wirklich ernsthafte Defizite habe. Jedoch bin ich, zum Beispiel, davon überzeugt, dass ich eine gute Mutter bin und wo ich gut bin, will ich normalerweise auch perfekt werden. Gestern in meiner Krabbelgruppe jedoch habe ich Super-Mom kennen gelernt. Sie saß stillschweigend zwischen all den anderen Müttern, ihr perfektes Kind betrachtend, dass natürlich das hübscheste der Gruppe war, in denen von ihr selbst genähten Kleidern sowieso. Normalerweise ist sie ja diejenige, die sich am intensivsten an den Diskussionen beteiligt. Gestern jedoch saß sie einfach nur da und lauschte, machte sich ihre Gedanken und beschloss am Nachmittag beim Einräumen der Spülmaschine, die übrig gebliebene Gabel, aufgrund des zu knapp bemessenen Platzes, einfach mal neben den Messern einzuräumen.

Unsere natürliche Geburt aus Beckenendlage

Unsere natürliche Geburt aus Beckenendlage

Mir ist es zu einem Anliegen geworden, dass Frauen besser über die Möglichkeiten einer solchen Geburt aufgeklärt werden und nicht, wie leider weit verbreitet angenommen, hier der Kaiserschnitt der einzig mögliche Weg ist.

Jede Frau, die eine Geburt erlebt, muss diese verarbeiten. Dabei ist es ganz egal, ob das Geburtserlebnis schön, traumatisierend oder irgendetwas dazwischen war. Erzählen hilft. Worte finden für das unbegreiflichste Erlebnis auf Erden. Ein Erlebnis, das außerhalb von Raum und Zeit steht – das ist gar nicht so einfach. Die eigene Verarbeitung der Geschehnisse für mich ist jedoch nicht der einzige Grund warum ich versuchen möchte euch hier von der Geburt meiner ersten Tochter zu berichten. Unser Mädchen kam, wie ihr im Titel bereits lesen könnt, bei einer natürlichen Geburt aus Beckenendlage (BEL) – also mit dem Popo voraus – zur Welt. Mir ist es zu einem Anliegen geworden, dass Frauen besser über die Möglichkeiten einer solchen Geburt aufgeklärt werden und nicht, wie leider weit verbreitet angenommen, hier der Kaiserschnitt der einzig mögliche Weg ist. Ja, auch eine solche Geburt birgt Risiken und ist eine Ausnahmesituation, so wie jede andere Geburt auch.

Hier möchte ich euch nun mitnehmen in unsere Geschichte.  Die Geschichte von einer Geburt, die zum Ende hin leider nicht ohne Komplikationen war, für mich jedoch eine rein positive Erinnerung ist, die mich bis heute mit Dankbarkeit erfüllt. Eine Geburts-Geschichte, die ganz plötzlich und für mich völlig unerwartet begann.

Unser Baby saß vom Beginn der Schwangerschaft an in der Beckenendlage.

Die Geburtsplanung

Nichts deutete für mich daraufhin, dass meine Tochter bereits drei Wochen vor ihrem Termin kommen wollte. Wir waren an diesem Dienstag zu einem Vorgespräch für eine Geburt in Beckenendlage in eine „Spezialklinik für BEL“ gefahren, da sie sich leider, trotz Indischer Brücke, Taschenlampe und Co. einfach nicht drehen wollte. Wir saßen vor den Kreißsälen und hörten, wie immer wieder Frauen vor Schmerzen schrien. Ich fühlte mich sehr unbehaglich und zweifelte, ob diese Klinik wohl die richtige sei. Dass Frauen während der Geburt so schreien mussten, das hatte ich irgendwie nicht erwartet und verunsicherte mich.

Ärztliche Voruntersuchung in der Spezialkinik 

Nach ca. einer Stunde verließen wir jedoch dann die Beratung mit einem sehr guten Gefühl. Ich war von einer Ärztin untersucht worden und sie hatte uns die Risiken einer BEL Geburt, eines Kaiserschnitts und die Möglichkeiten einer äußeren Wendung erklärt. Die Entscheidung war schnell gefallen. Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis eine äußere Wendung ausprobieren zu müssen. Wir hatten das Gefühl, als sei es quasi egal ob der Popo oder der Kopf zuerst kämen, denn bei BEL läge das Kind nicht falsch, sondern einfach andersherum. Das Wichtige sei, dass ich als Gebärende Vertrauen in mich und mein Baby habe und vor allem das Team, das mich bei der Geburt begleitet, die Erfahrung und Routine – und die haben sie in dieser Klinik. Daher konnte ich für mich feststellen: Das Risiko einer BEL Geburt ist nur erhöht, wenn man sich als Frau unsicher fühlt oder die Ärzte und Hebammen keine Routine mit Beckenendlagen haben. Daher war ich ganz entspannt!

„Daher konnte ich für mich feststellen: Das Risiko einer BEL Geburt ist nur erhöht, wenn man sich als Frau unsicher fühlt oder die Ärzte und Hebammen keine Routine mit Beckenendlagen haben.“

Wir verbrachten den Nachmittag in einem nahegelegenen Hallenbad, da am selben Abend eine Elterninformationsveranstaltung und eine Kreißsaal-Führung stattfinden sollten, die wir gleich noch mitnehmen wollten, wenn wir schon mal da waren.

Startschuss Blasensprung

Die folgenden Tage stieg die Ungeduld. Was wenn wir noch länger als drei Wochen warten mussten? Am liebsten wollte ich meine Tochter jetzt sofort in meinen Armen halten. Die Klinik war ausgesucht und wir durften dort jeder Zeit aufschlagen, egal ob der Kopf oben oder unten liegen sollte. Es war eigentlich unglaublich, dass meine Ungeduld in der Nacht von Donnerstag auf Freitag noch in derselben Woche, belohnt wurde.

„Ich habe dich schon gekannt, ehe ich dich im Mutterleib bildete, und ehe du geboren wurdest, habe ich dich erwählt“ – Jeremia 1,5

Morgens um ca. 1.30 Uhr ging ich, wie fast jede Nacht einmal um diese Uhrzeit herum, aufs Klo. Ich war gerade fertig und erhob mich, da kam noch einmal ein ganzer Schwall. Ich war ganz verwirrt und dachte nur: „Wie? War ich jetzt noch nicht fertig?“ Beim Niesen oder lachen passierte es ab und zu, dass ich einige Tropfen unabsichtlich verlor, aber doch nicht einfach so. Meine Schlafanzughose war komplett durchnässt. Ich dachte in diesem Moment überhaupt nicht daran, dass ich einen Blasensprung gehabt haben könnte. Ich zog alle nassen Sachen aus und wollte losgehen um mir frische Kleidung zu holen, doch ich merkte, dass das Wasser gar nicht aufhörte zu fließen. Es floss und floss und langsam dämmerte es mir und gleichzeitig dachte ich, das kann doch nicht sein. Wirklich? Jetzt schon? Wie? Nach einigen Momenten der Besinnung lief ich schließlich langsam zum Bett, um meine Mann zu wecken. Ich stand vor ihm und erzählte ihm was passiert war und er verstand sofort. Ich legte mich ins Bett, da wir nicht wussten, ob unser Baby schon tief genug im Becken war,  und riefen einen Krankenwagen. Ich lag auf dem Bett und konnte einfach nicht so richtig fassen, dass es jetzt losgehen sollte. Ich hatte keine Wehen und überhaupt, es war so unwirklich. Ich lag einfach nur da, auf der einen Seite freudig gespannt, mit der Vorstellung, dass wir in ein paar Stunden vielleicht schon unser Baby in den Armen halten durften und auf der anderen Seite bangend. Würde der Krankenwagen uns bis in die von uns erwählte Klinik fahren? Normalerweise fährt ein Krankenwagen nur das nächstgelegene Krankenhaus an.

Auf dem Weg in die Klinik

Der Krankenwagen kam und die Fahrer waren nicht gerade erfreut, als sie uns fragten in welcher Klinik ich mich vorgestellt hatte und wir ihnen die unsrige nannten. Wir versuchten ihnen zu erklären, dass unser Kind mit dem Popo nach unten in mir sitzen würde und dass in jeder anderen Klinik mir ein Kaiserschnitt bevorstand und dass wir daher unbedingt dorthin müssten. Und da ich Erstgebärende war, noch gar keine Wehen hatte und der Krankentransport erst in über einer dreiviertel Stunde hätte da sein können, ließen sie sich erweichen und fuhren mich in unsere Wunschklinik.

Bereits auf dem Weg in die Klinik begann ich irgendwie meinen Unterbauch zu spüren. Es waren weder regelmäßige Wehen, geschweige denn Schmerzen. Es war einfach nur das Gefühl: Da tut sich etwas. Noch auf dem Bett Zuhause liegend hatte ich zu meinem Mann gesagt: „Also ich könnte mir einbilden, dass ich etwas spüre!“ Es war wohl da schon nicht eingebildet gewesen. Nein, es ging tatsächlich los.

Ankunft im Kreißsaal

Auf dem Weg versuchte meine Begleitung im Krankenwagen zwei Mal im Krankenhaus anzurufen, um uns anzumelden, jedoch konnten wir dort niemanden erreichen. Gott sei Dank, denn als wir an der Klinik ankamen, schlug die Hebamme, die uns die Tür öffnete quasi die Hände über dem Kopf zusammen: „Haben Sie denn nicht angerufen?!“ Ja, doch, aber es ging eben niemand ans Telefon. Wir erfuhren von der Hebamme, die außerordentlich erschöpft wirkte, dass in dieser Nacht wohl unglaublich viel los sei. Trotzdem schoben sie mich in eine Art Reserve-Vorbereitungsraum. Insgesamt fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht besonders wohl. Die gestresste Ausstrahlung der etwas älteren Frau stressten auch mich. Ich wurde auf das Bett gehoben und die Hebamme brachte viele Formulare, die mein Mann ausfüllen musste und ein erstes CTG wurde geschrieben.

Die Eröffnungsphase

Während wir alleine warteten, was als nächstes passieren würde, wurde bestimmt eine Stunde CTG geschrieben. Dies war unauffällig, auch wenn ich meinen Unterleib durchgehend ein wenig spürte. Es war ca. eine Stunde später als eine Ärztin ins Zimmer kam um mich zu untersuchen. Bis dahin hatte ich gelegen, da wir nicht wussten, ob ich aufstehen durfte. Die Ärztin kam herein und mir ging sofort das Herz auf. Sie strahlte uns mit ganz vielen kleinen Grübchen im Gesicht an. Sie begann mich zu untersuchen und sagte schon nach Sekunden: „Oh, ein ganz eindeutiger Blasensprung.“ Außerdem stellte sie fest, dass der Po tief genug im Becken sei und ich aufstehen dürfe. Auch sei der Muttermund bereits 1 cm offen. Strahlend verkündete sie, wir ständen am Anfang mit den besten Voraussetzungen. Diese Frau tat mir so gut. Nach der gestressten Hebamme hatte sie eine Wärme und Ruhe, die mich langsam in der Situation ankommen ließ. Ich fragte sie auch, ob mein Baby denn nicht bald auf dem Trockenen liegen würde, da ich immer weiter Fruchtwasser verlor. Schon zuhause nach dem Blasensprung hatte ich erschrocken meinen Bauch betastet. Sie beruhigte uns aber, dass der Körper ständig Fruchtwasser nachproduzieren würde.

Die Nacht verging unglaublich schnell. Ich konnte natürlich nicht schlafen, so aufgeregt war ich und so redeten wir und warteten. Gegen morgen drehten wir auf dem Flur ein paar Runden. Weiter weg trauten wir uns aber nicht, da einfach niemand da war, der es uns „erlaubt“ hatte. Die Wehen begannen regelmäßig zu werden und es war kein dauerhafter Druck mehr, sondern ein kommen und gehen, so wie man es sich vorstellt, wie Wehen eben sind.

Die Sache mit den Wehen

Zu dieser Zeit redete ich noch sehr viel. Egal ob Wehe, oder Wehen Pause. Und ich lief durchgehend. Ja, ich legte es sogar darauf an, da meine Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs gesagt hatte, wir sollten dann in die Klinik fahren, wenn die Wehen alle drei Minuten kämen und so stark seien, dass wir stehenbleiben müssten, um sie zu veratmen. Da wir ja, auf Grund des Blasensprungs, schon früher in der Klinik waren, wollte ich gerne herausfinden, wann dieser Moment sein würde. Also lief ich gegen die Wehen an. Irgendwann ging das dann tatsächlich nicht mehr und ich musste stehen bleiben und automatisch drehte sich mein Becken dazu im Kreis. Im Vorbereitungskurs war mir das bei den Übungen noch peinlich gewesen, aber jetzt tat es mein Körper von ganz alleine und ich machte mir überhaupt keine Gedanken darüber, wie ich wohl dabei aussah. Irgendwann begann ich auch die Wehen zu veratmen, nicht, weil ich es zu diesem Zeitpunkt gebraucht hätte, sondern weil man das halt so macht. Es war als könnte mein Körper selbst steuern und mir zeigen, was ihm gut tut. Zu diesem Zeitpunkt sagte ich zu meinem Mann noch: „Ich weiß, dass es noch viel schlimmer wird.“ Und ich dachte mir auch: „So halte ich es noch eine ganze Weile durch, wenn es sein muss, auch bis heute Abend. Es ist zwar schmerzhaft, aber zu ertragen.“ Wie schlimm es aber noch werden sollte, konnte ich mir da einfach noch nicht vorstellen.

Die Zeit verging und die Wehen wurden stärker. Erst musste ich stehen bleiben, dann veratmen. Aus lautem Atem wurden lange Vokale. Alles Dinge, über die man sich vorher unglaublich viele Gedanken macht und sich sicher ist, dass man selbst, das ganz bestimmt nicht macht. Ich versuchte alle möglichen Positionen einmal aus, um die Wehen zu veratmen, aber nichts machte es besser. Im Sitzen und Liegen waren die Schmerzen am stärksten, also stand ich und lief, stundenlang. Der Ball, welchen ich im Geburtsvorbereitungskurs sehr gemocht hatte, half nicht und auch eine Massage meines Mannes brachte mir nicht sonderlich etwas, daher ließen wir es bleiben.

Irgendwann stellte ich fest, dass immer, wenn ich eine etwas längere Wehen-Pause hatte, die aus dem eigentlichen Rhythmus viel, die folgende Wehe darauf, deutlich an Intensität zunahm. Ich wusste daher nicht, ob ich mich über die etwas längere Pause freuen sollte, da es mir gleichzeitig vor der nächsten Wehe, die schmerzhafter sein würde, graute.

Ein Tipp von einer Hebamme, die zwischenzeitlich mal hereinkam half mir sehr. Sie sagte, ich solle nicht erst beginnen die Pause zu genießen, wenn die Wehe vorbei sei, sondern mich bereits entspannen, wenn der Berg überwunden sei und der Schmerz schon zurückging. Dadurch hatte ich das Gefühl, dass die Pausen wieder länger waren und jede Sekunde tat gut.

Ich merkte, dass ich weniger redete und dass es anstrengender wurde. Es ging auf den Mittag zu und ich bekam ein weiteres CTG. Zum Glück im Stehen, denn liegen konnte ich schon die ganze Zeit nicht mehr, die Schmerzen waren in dieser Haltung einfach zu groß. Ich stand also vor dem CTG und war gespannt was es anzeigen würde. Es verwunderte mich total als die nächste Wehe kam und dieses Gerät einfach gar nichts anzeigte. Auch die nächste und übernächste Wehe wurden nicht angezeigt. Ich ärgerte mich. Ich hatte solche Schmerzen und dieses Gerät wollte sie einfach nicht erfassen. Wir warteten ab. Nichts passierte, jedenfalls nicht auf dem Wehen-Schreiber, in mir jedoch schon. Nach ca. 20 Minuten fanden wir die Lösung des Problems: Der Abnehmer war nicht richtig auf meinem Bauch befestigt gewesen. Mein Mann schob ihn richtig unter das Gummiband und sofort schoss der Schreiber bei der nächsten Wehe auf über 100 hoch. Das war ein sehr befriedigendes Gefühl und so stand ich eine ganze Weile vor diesem Gerät und veratmete meine Wehen und schaut zu, wie sie gleichzeitig in einer Grafik erfasst wurden.

Die heiße Phase beginnt

Keine Wehentätigkeit auf dem CTG zu sehen.

Gegen 12 Uhr muss es gewesen sein, dass ich das erste Mal für mich dachte: „Nein, das halte ich nun doch nicht mehr ewig durch. Vielleicht noch eine Weile, aber ganz sicher nicht mehr bis heute Abend.“ Ich behielt es jedoch erst einmal für mich, tun konnten wir ja sowieso nichts. Vermutlich eine weitere Stunde verging und es wurde immer heftiger. Die Wehen waren unglaublich schmerzhaft und auch die Pausen waren so kurz geworden, dass sie kaum mehr halfen. Ich sagte zu meinem Mann: „Ich kann nicht mehr.“ Ab da veratmeten wir die Wehen zusammen. Er unterstützte mich und sagte zu mir: „Die nächste schaffst du noch.“

In meiner Erinnerung saß ich auch noch einmal auf dem Ball, jedoch brachte das nichts. Ich spürte auf einmal, dass ich aufs Klo müsste. Wir sagten daraufhin Bescheid. Gefühlt brauchte es ewig bis jemand kam und ich beschrieb der Frau mein Gefühl und dass ich noch einmal zur Toilette müsste. Sie hatte einen Akzent und sagte nur: „Druck nach unten?! Druck nach unten?! Sehr gut, dann geht es jetzt gleich los.“ Sie ging und wir waren wieder alleine, die Toilette war kein Thema mehr. Es brauchte wieder ewig bis jemand kam. Diesmal eine Ärztin. Ich musste mich aufs Bett legen und wurde untersucht. Der Muttermund war 7cm offen und sie ging, mit den Worten, es würde jetzt ein Kreißsaal hergerichtet werden.

Die Wehen die nun kamen waren in meiner Erinnerung die schlimmsten. Ich hatte einen unglaublichen Druck nach unten, fast keine Wehen-Pausen und irgendwie wollte ich gerne Pressen, durfte aber nicht, da wir alleine waren, und so musste ich diesen Druck verheben. Das war schrecklich. Ich fuhr meinen Mann an: „Es muss jetzt jemand kommen! Es muss jetzt sofort jemand kommen!“ Im Nachhinein tat mir dies etwas leid, da ich wohl schon sehr forsch zu ihm gewesen war und er selbst in dieser Situation auch machtlos.

Die Geburt

Wieder dauerte es ewig bis jemand das Zimmer betrat. Es war die Hebamme. Ich kann mich nicht erinnern, ihr je richtig ins Gesicht gesehen zu haben, wahrscheinlich habe ich beim Veratmen der Wehen immer die Augen zu gehabt. Ich kann mich nur noch an ihre Stimme erinnern und dass sie summte. Sie sagte in einem ganz ruhigen Tonfall, dass ich mal auf das Bett gehen solle und in den Vierfüßler. Es war gar keine Rede mehr davon in einen Kreißsaal zu gehen, mein Kind würde nun also in diesem Vorbereitungsraum zur Welt kommen.

Als ich auf dem Bett hockte, fragte ich ob ich pressen dürfte. Die Hebamme sagte ja und ich schob nun mit der nächsten Wehe mit. Es fühlte sich besser an als alles andere davor. Endlich konnte ich etwas tun und irgendwie waren auch die Schmerzen, wenn ich presste weniger schmerzhaft und auch die Pausen kamen mir wieder länger vor. Ich weiß nicht mehr, wie viele Presswehen ich hatte. Vielleicht waren es vier, fünf Presswehen, vielleicht mehr oder weniger. Die Hebamme summte. Mein Mann bat mich seine Hand zu nehmen und zu drücken. Ich tat es, mehr für ihn als für mich. Gebraucht hätte ich es nicht, da es mir auch nicht half und ich eigentlich auch keine Kraft dazu hatte. Es war einfach nur gut, dass er da war.

Ich spürte, wie vor dem Fenster die Sonne zu scheinen begann und das machte mich irgendwie froh. Zwischendurch knallte eine Tür. Nur kurze Zeit später sagte eine Männerstimme: „Wir müssen sie jetzt auf den Rücken drehen.” Da wurde ich auch schon gedreht und sah, dass ungefähr fünf, sechs Leute im Raum standen. Die Hebamme nahm meine Hände und legte sie an meine Knie und sagte mir, dass ich hier gut festhalten sollte und die nächste Wehe kam. Ich presste mit und schrie dabei und auf einmal kam auf den normalen Wehenschmerz ein Schmerz oben drauf, der unbeschreiblich war. Und so wie auf den Schmerz noch ein Schmerz kam, kam auf meinen Schrei noch ein Schrei oben drauf. Ich schrie so laut, dass ich selbst vor mir erschrak. Noch nie hatte ich solche Schmerzen gespürt und mir kommen jetzt fast die Tränen, wenn ich mich daran erinnere, wie schrecklich schlimm es war. Es war schlimmer als jede Wehe davor und ich verlor mich einfach in dem Schmerz. Ich wusste nicht was passierte, wieso, weshalb, warum und ich dachte auch nicht darüber nach, da war nur dieser Schmerz. Ich wusste nicht einmal mehr für was er war, nicht einmal mehr, dass ich hier ein Kind bekam. Die Wehenpause kam und der Arzt fuhr mich an: „Frau S, jetzt müssen Sie noch einmal so richtig mitmachen.“ Und schon kam die nächste Wehe und wieder dieser unbeschreibliche Schmerz oben drauf, aber diesmal presste ich mit und schob und gab wirklich alles, auch wenn ich nicht wusste, wie viel es war. Ich hatte einfach kein Gefühl für meine Kraft, oder irgendetwas, da war nur der Schmerz. Es fühlte sich an, als ob der Mann mein Baby aus mir herausreißen würde.

Es war eine Erleichterung als ich sah, wie der Arzt das Kind in die Luft hob und ich hörte, wie mein Mann neben mir ganz plötzlich zu weinen und zu schluchzen begann und im nächsten Moment legte mir der Arzt unser Baby auf die Brust. Er sagte ganz warm: „Entschuldigen Sie die Intervention, Frau S. Hier ihr Kind.“ Und dann lag dieses kleine Wesen auf mir und schaute mich mit seinen großen, fast komplett schwarzen Augen an und ich war überrascht, dass mir gar nicht zum Weinen zumute war, in diesem emotionalen Moment. Ich war einfach nur so erleichtert, dass diese Schmerzen vorbei waren und es war einfach alles so schnell gegangen und unbegreiflich. Ich sah dieses Kind in meinen Armen an, hielt es fest und sagte: „Da bist du ja. Hallo!“

Die Ruhe nach dem Sturm

Ich war erstaunt, dass ich so ganz normal sprechen konnte, als wäre in den Sekunden zuvor überhaupt nichts geschehen. Kein Schmerz mehr, kein Geschrei, alles war plötzlich ganz friedlich.

Einige Augenblicke später fragte eine anwesende Frau, ob man es mir erklären solle und die Hebamme reagierte mit: „Nicht jetzt“, aber ich hatte es gehört und wollte wissen, was denn sei. Da sagte die Hebamme nur ganz ruhig in zwei Sätzen etwas wie, die Nabelschnur sei vor gerutscht und wir hatten kurz keine Herztöne und da musste es sehr schnell gehen.

Ich konnte in diesem Moment mit diesen Sätzen nicht viel anfangen, nahm es einfach zur Kenntnis, da ich sowieso nur mit meinem Baby, unserer Tochter beschäftigt war. Dass es jedoch in den letzten Sekunden um Leben und Tod gegangen war und wir dem Oberarzt, der mir solche Schmerzen zugefügt hatte, dein Leben verdanken, begriff ich erst viel später. Und das war gut so.

Ich habe oft gehört, wie Frauen gesagt haben: „Du wirst den Schmerz der Wehen vergessen.“ Ja, das stimmt, an die Schmerzen der Wehen erinnere ich mich heute nicht mehr, aber die “Vernichtungsschmerzen”, welche ich durch den Eingriff des Arztes erfahren habe, werde ich nie vergessen. Es hat eine Weile gebraucht bis ich hier zu differenzieren gelernt habe, bis ich überhaupt verstanden habe, dass hier über den Geburtsschmerz hinaus andere Kräfte am Werk waren. Anfangs dachte ich: „Eine Geburt ist eben schrecklich schlimm. Und die Geburt meiner Tochter, wie jede andere eben auch. So sind Geburten nun mal.“ Und ich bin so dankbar über mein Unwissen, denn genau dieses lässt diesen Satz wahr werden.

Ich bin dankbar, dass ich keine Angst haben musste, da ich dachte, alles würde so gehören. Nicht einmal als drei Stunden später der Oberarzt, in zivil unser Zimmer betrat, um uns zu versichern, dass weder ich noch unsere Tochter medizinische Folgen davon tragen würden – warum denn auch? – und wir bei Gesprächsbedarf gerne jeder Zeit noch einmal auf ihn zukommen dürften, und sei es erst in drei, vier Monaten, seine Erinnerung werde zwar verblassen, aber er werde sich erinnern. Nein, nicht einmal da begriff ich, dass diese Geburt wohl auch für ihn ein prägendes Ereignis gewesen sein musste.

Ein Wort zum Schluss

Einige werden sich jetzt vielleicht denken: „Wie kann sie mit einer solchen „Horror“- Geschichte, mit einer – wie sie meine Oma bezeichnet – solchen schweren Geburt, mit Komplikationen, die ihrer Tochter fast das Leben gekostet haben, Mut machen wollen zu einer natürlichen Geburt in Beckenendlage.“

Ihr Lieben euch sei gesagt  :

Der Nabelschnurvorfall, einer der seltensten und gleichzeitig gefährlichsten Komplikationen einer Geburt, steht nicht im Zusammenhang mit der Beckenendlage eines Kindes. Er kann genauso bei einem Kind in Schädellage auftreten. Unser Mädchen war sehr klein und zierlich (46cm und 2370g) wodurch die Nabelschnur mit einem Schwall Fruchtwasser an ihr vorbei getragen werden konnte. Uns wurde in der Klinik versichert, dass dies aber genauso gut in Schädellage passieren hätte können. Ja, wir wurden unglaublich bewahrt, da der Vorfall früh genug erkannt wurde.

Ich durfte Erfahren, dass das Vertrauen in mich, mein Kind und vor allem in das erfahrene Team meiner Entbindungsklinik trägt. Und es macht mich traurig, dass es wohl immer mehr Frauen schwer fällt auf dieses Vertrauen zu setzen. Dass immer mehr Kliniken das Vertrauen nicht entgegen bringen wollen oder können und bei BEL, aufgrund fehlender Routine, Mangel an Wissen und anderen Gründen, der Kaiserschnitt als einzig sichere Lösung verkauft wird. Ja, es hätte auch anders ausgehen können und später haben wir auch erfahren, dass im Nachbarraum schon alles für einen Notkaiserschnitt für unser Mädchen vorbereitet worden war. Das Risiko einer Geburt liegt jedoch, meiner Meinung nach, nicht in der BEL. Jede Geburt ist eine Ausnahmesituation, in der Komplikationen auftreten können. Und genau diesen Komplikationen, die auch bei einem Kaiserschnitt oder einer Geburt in Schädellage auftreten können, zum Trotz:

Für mich ist die Geburt meiner Tochter ein unvergessliches Erlebnis, nicht traumatisierend, nicht von Angst erfüllt, sondern ein Schatz, der mich bis heute durch und durch prägt und mit dem Mut zu vertrauen und endloser Dankbarkeit erfüllt.

„Ich durfte Erfahren, dass das Vertrauen in mich, mein Kind und vor allem in das erfahrene Team meiner Entbindungsklinik trägt.“