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Schlagwort: Super-Mom

Neues von der Super-Mom

Neues von der Super-Mom

Mein Mann verstand die Welt nicht mehr, als ich gestern Abend, weinend in seinem Arm auf dem Sofa erklärte, dass ich die falschen Schnuller für unsere Jüngste ausgesucht hatte. Dass sie nun wohl einen Schaden davon tragen würde. Und ich war Schuld. Ich wollte es doch so richtig machen. So wie immer.

Es war mir überhaupt schon schwer gefallen mich zu einem Schnuller durchzuringen. Meine Hebamme warnte vor Saugverwirrung und auch das Internet ergab ganz klar: Am besten ist ohne!

Bei Nr. 1 „Anfängerbaby“ waren wir quasi gar nicht auf die Idee gekommen einen Sauger anzubieten. Aber Nr. 2, viel geplagt von Bauchschmerzen und Co., war nach einigen Tagen schon ganz offensichtlich ein klassisches Schnullerbaby.

Ich informierte mich. Der Fokus war ganz klar gesetzt: Kein Risiko mit dem Stillen eingehen! Daher entschied ich mich, zusätzlich aus ökologischen und auch optischen Gründen, für einen Schnuller in kirschsauger Form.

Das Kind liebt ihn. Am liebsten Tag und Nacht. Er tut ihr gut und uns auch. Zudem entlastet er meine Brust, die nach 12 Wochen immer noch mindestens alle zwei Stunden aufgesucht wird.

Alles gut. Dachte ich. Bis gestern Abend.
Ausgerechnet auf einen Schlag laß ich auf drei unterschiedlichen Seiten Kommentare von Mamas die ausdrücklich andere Frauen vor diesen Schnullern warnten. Sofort fühlte ich mich direkt angesprochen. Großer Druck auf den Gaumen. Kieferfehlstellung. Schiefe Zähne. …

Ich war schockiert. Von mir selbst. Wie konnte ich meinem Kind nur soetwas antun. Und dann hatte ich ihn am selben Tag, nur vor wenigen Stunden, auf Nachfrage hin, sogar noch weiterempfohlen.

Wenn das Gefühlskarussell einmal kreist, dann ist es schwer auszusteigen. Da hilft mir auch kein: „Nimm es dir nicht so zu Herzen.“
Also sitze ich da und weine. Weine darüber, dass ich so eine furchtbar schlechte Mutter bin. Weine darüber, dass ich meinem Kind einen gefährlichen Schnuller gegeben habe und dass sie jetzt auch noch weint, weil ich ihn ihr soeben wieder weggenommen habe.

Eigentlich weiß ich es und doch bin ich froh, dass mein Mann es mir in diesem Moment noch einmal sagte. Was in vielen Momenten meine Stärke ist, wird schnell zu meiner größten Schwäche. Und das ist ok. Und muss auch nicht verstanden werden von anderen. Es ist nicht falsch. Aber es braucht Raum. Für den Moment.

Und dann, wenn das Karussell wieder langsamer wird und ich es schaffe abzusteigen, dann weiß ich. Ich bin nicht Super-Mom, auch wenn ich es gern wäre. Und das ist okay. Einmal durchschnaufen. Gnade empfangen. Denn genau dafür ist sie da. Für meinen kleinen, lächerlichen Mama-Fehler-Alltag. Und dann weiter machen. Nicht aus eigener Kraft. Nicht perfekt.

Wir haben versucht ihr in der Nacht einen „kiefergerechten Schnuller “ unterzujubeln. Sie mag ihn nicht. Sie will den „gefährlichen“. Und ich geb ihn ihr. Reduziert. Aber befreit.

Ich bin Perfektionist

Ich bin Perfektionist

Ich bin Perfektionist. Was manchmal schon echt zwanghafte Züge annehmen kann. Ich räume lieber das ganze Besteckfach der Spülmaschine noch einmal um, als eine Gabel neben ein Messer zu legen, weil der bemessene Platz neben den fein säuberlich aufgereihten Gabeln für diese eine nicht mehr gereicht hat.
Ich bin Perfektionist. Ich habe geschlagene zehn Minuten damit verbracht den vorangegangenen Satz über Messer und Gabeln zu formulieren, zu löschen, wieder neu zu formulieren, um ihn schließlich noch einmal so abzuändern, dass er endlich passt – oder vielleicht doch nicht? Mit diesem Satz habe ich das selbe getan und mit allen weiteren die ich hier noch schreiben werde, wird es wohl genauso sein. Und am Ende bin ich immer noch nicht zufrieden…

Gestern in unserer Krabbelgruppe hatte eine Mutter, nachdem wir alle Babys im Morgenkreis singend begrüßt, die üblichen Reime und Fingerspiele durch exerziert und dann alle Kinder – bis auf meines – auf der Krabbeldecke mit ausreichend Spielzeug versorgt abgestellt hatten, einen Impuls für uns Mütter mitgebracht. In Wirklichkeit, müsst ihr wissen, ist unsere Krabbelgruppe gar nicht Livis Gruppe, sondern meine. Da mein Kind, wenn es zwischen 10 und 11 Uhr am Vormittag nicht gerade schläft, so müde ist, dass es von meinem Schoß aus, nur mit letzter Kraft und gegen die zufallenden Augen ankämpfend, gerade so noch das Geschehen auf der voll Leben bewuselten Decke betrachten kann. Ich hingegen trinke Tee, esse Kekse – im besten Fall sogar Kuchen – und habe alle Zeit der Welt mich mit Gleichgesinnten über alle Themen des Mamadaseins auszutauschen, bei denen andere Menschen ohne Kinder, meist nach einigen Minuten schon die Augenrollen.

Im besagten Impuls, ein Auszug aus einem Buch dessen Titel und Autor mir leider entging, da er im Streit der zwei ältesten der Gruppe auf dem Teppich um die heißbegehrte Rasselgiraffe unter ging, berichtete eine Mutter darüber, wie unglücklich sie der tägliche Vergleich mit der perfekten „Super-Mom von nebenan“ mache. Nach seitenlanger Jammerei, bei der die Super-Mom von nebenan ganz schön einstecken musste, kam sie schließlich zu dem Schluss, dass sie, der Super-Mom zum Trotz, nicht so perfekt sein müsse. Sowieso, in den Augen ihres Kindes, sei sie auch ungeschminkt, mit ungewaschen Haaren, unaufgeräumter Küche und den sich häufenden Wäschebergen im Keller perfekt! Allein der Blick ihres Kindes, darauf käme es an.

Im anschließenden Gespräch stellte sich heraus, dass sich durch den Text die anwesenden Mütter unglaublich ermutigt fühlten und alle waren sich einig: Nein, so eine, wie diese Super-Mom, wollte man ganz sicher nicht sein. Alle waren sie mit diesem Ergebnis zufrieden. Alle, bis auf mich.

Den ganzen Text über hatte ich mich mehr und mehr Super-Mom solidarisch gefühlt. Irgendwie tat sie mir unglaublich leid. Was konnte sie denn dafür, dass andere sie sich als Maßstab setzten. Ob sie überhaupt wusste, dass andere sie für Super-Mom hielten? Bestimmt war diese Frau nur eine in sich selbst gefangene Perfektionistin, die gar nicht anders kann als dort, wo sie ihre Stärken sieht, gleichzeitig immer auch das Beste zu geben. Auf einmal sah ich sie vor mir: Super-Mom, weinend in ihrer wunderschön aufgeräumten Wohnung, irgendwann an ihrem eigenen Perfektionismus zerbrechend. Sah denn niemand, dass Super-Mom selbst am aller meisten unter sich selber litt?
Super-Mom kann in der Öffentlichkeit kein Tragetuch binden ohne den Gedanken daran, dass vielleicht gleich eine Trageberatung um die Ecke kommt, die ihr sagt, dass dieses Tuch, aber nicht perfekt gebunden ist. Super-Mom kann ihrem Kind kein gekauftes Gläschen füttern, denn sie leidet daran, dass sie diesen Brei nicht selbst gekocht hat. Super-Mom muss einfach perfekt sein, nicht nur in der Öffentlichkeit, auch in den eigenen vier Wänden. Und das nicht, für irgendjemand anderen, nein von einem inneren Zwang getrieben, alleine für sich selbst. Selbst nie zufrieden mit dem eigenen Ergebnis. Nie in der lange die selbstgesteckten Maßstäbe zu erreichen. Und darunter leidet sie. Still und heimlich, bis zu dem jetzigen Zeitpunkt nicht einmal im Bilde darüber, in den Augen anderer womöglich die wahrhaftige Super-Mom zu sein. Vom Perfektionismus getrieben – unfrei!

Ich bin Perfektionist. Immer wieder hadere ich damit nicht perfekt zu sein. Besonders schwer fällt mir das in den Bereichen, in denen ich auch wirklich davon überzeugt bin gutes Leisten zu können. Auf meine Rechtschreibung und Zeichensetzung, zum Beispiel, gebe ich nicht viel. Ich habe erkannt und eingesehen, dass ich hier wirklich ernsthafte Defizite habe. Jedoch bin ich, zum Beispiel, davon überzeugt, dass ich eine gute Mutter bin und wo ich gut bin, will ich normalerweise auch perfekt werden. Gestern in meiner Krabbelgruppe jedoch habe ich Super-Mom kennen gelernt. Sie saß stillschweigend zwischen all den anderen Müttern, ihr perfektes Kind betrachtend, dass natürlich das hübscheste der Gruppe war, in denen von ihr selbst genähten Kleidern sowieso. Normalerweise ist sie ja diejenige, die sich am intensivsten an den Diskussionen beteiligt. Gestern jedoch saß sie einfach nur da und lauschte, machte sich ihre Gedanken und beschloss am Nachmittag beim Einräumen der Spülmaschine, die übrig gebliebene Gabel, aufgrund des zu knapp bemessenen Platzes, einfach mal neben den Messern einzuräumen.